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| Das eiskalte Paradies: Ein Mädchen bei den Zeugen Jehovas
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Trauriger Fall, kein Einzelfall, jedoch auch kein objektives Bild der ZJ!
• • • • • (bewertet mit 3 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen (VINE®-PRODUKTTESTER) (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Das eiskalte Paradies: Ein Mädchen bei den Zeugen Jehovas (Taschenbuch) Wer dieses Buch liest, sollte nicht den Fehler begehen, die dargestellte Verhaltensweise, Handlungen und Meinungen der Beteiligten auf die Organisation der Zeugen Jehovas [ZJ] pauschal zu übertragen. Dies war auch nicht die Absicht der Autorin, soweit ich das beurteilen kann. Auch gibt es nur ganz wenige glaubensspezifische Informationen im Buch, wobei nicht alle stimmen - doch dazu später mehr.
Erzählt wird die Geschichte des 15-jährigen Mädchens, Hannah, das sich in der Phase hormoneller und seelischer Metamorphosen und altersbedingter Identitätsfindung sowohl in/von ihrer Familie als auch der Gemeinschaft der Glaubensbrüder nicht mehr geborgen und verstanden fühlt und sich peu à peu von ihren ehemals stark ausgeprägten Moralvorstellungen und Glaubensgrundsätzen distanziert. Insbesondere wegen des Drucks ihrer Mitschüler, aber auch wegen mangelnden Selbstbewusstseins und unzureichender Offenheit ihren Eltern, Freunden und Glaubensbrüdern gegenüber.
Wie kommt es dazu bzw. soweit?
Im Alter von etwa 6 Jahren verliert Hannah ihre leibliche Mutter (eine fröhliche Frau, "vergnügt, sommersprossig, heiter", S. 132) durch einen Verkehrsunfall. Hannahs Vater, ein ruhiger, ausgeglichener und nicht besonders redseliger Mensch ("leise, scheu und nachdenklich", S. 6) fällt psychisch in ein - so scheint es - viel tieferes Loch als seine kleine Tochter. Zwar kümmert er sich um Hannah und ist fürsorglich, doch hat man als Leser das Gefühl, dass er für Hannah in emotionaler Hinsicht keine große Hilfe ist. Doch sie übersteht diese schwere Zeit - und auch ihr Vater lernt eine neue Frau, Roswitha, kennen und heiratet sie. Hannah bekommt drei Geschwister, sie kann Roswitha gut leiden, sie verstehen sich sogar ziemlich gut, obwohl Hannah sie NIE Mutter nennen wird.
Wie Hannahs Vater Roswitha kennenlernt und wie er den neuen Glauben annimmt - darauf wird im Buch nicht eingegangen. Jedoch erfährt man, dass Hannah mit 8 Jahren zum 1. Mal einen Königreichssaal besucht und ZJ kennenlernt. Zeitsprung. Hannah ist 13 Jahre alt und wird im Predigtdienst von einigen Mitschülern gesehen, was ihr so peinlich ist, dass sie in ihrem Tagebuch schreibt: "Es ist etwas Schlimmes passiert! S. hat uns gesehen, als wir gestern im Predigtdienst waren [...] Sie hat es allen in der Schule erzählt." Eine solche Reaktion ist sicherlich nicht ungewöhnlich, eher sogar der Normalfall (weil Jugendliche sich in diesem Alter über die Meinungen von Gleichaltrigen definieren, was Erwachsenen allgemein bekannt ist und zahlreiche Studien belegen), zeugt jedoch von mangelndem Selbstbewusstsein. Diese Haltung ändert sich bei Hannah auch später nicht, wird sogar stärker und letztlich zur Hauptursache ihrer Unzufriedenheit. Wie schade! Und hier ist es wichtig festzuhalten, dass nicht die Glaubensgrundsätze der Bibel, nicht die Lehre der ZJ's und auch nicht das Fehlverhalten seitens ihrer Glaubensbrüder Hannah - in dieser Situation, aber auch in anderen - zu schaffen machten, Zweifel in ihr hervorriefen und sie bedrückten, sondern ihre Unsicherheit, ihre Scham, ihre Unfähigkeit, sich diesem Problem zu stellen und darüber mit ihren Eltern/Freundinnen/Glaubensbrüdern zu sprechen.
In einer weiteren Episode geht es um Hannahs Periode. Sie bekommt sie, ohne genau Bescheid zu wissen, was mit ihr passiert; ihre Mutter klärt sie jedoch auf. Daraus abzuleiten, dass alle Zeugen unaufgeklärt die Pubertät durchleben, ist ebenso falsch. Der eine oder andere Elternteil tut sich damit schwer. Generell aber sind ZJ bemüht, ihre Kinder aufzuklären. (Dazu wird auch in den Publikationen ermuntert.) Ebenso wie sie sich bemühen, keine unflätigen Ausdrücke zu benutzen, was im Buch richtig dargestellt wird (S. 34).
Des Weiteren erfährt der staunende Leser, dass Hannahs Eltern keinen Fernseher und nur wenige Bücher hatten. Sicherlich eine strikte (extreme) Haltung, die nicht jeder verstehen/akzeptieren wird, jedoch kein Abbild oder Beispiel dafür, wie es die ZJ mit Musik, TV und Literatur halten.
Ein weiteres Thema im Buch ist: Selbstbefriedigung. Mit Einsetzen der Periode verspürt Hannah den wachsenden Wunsch, sich im Schambereich zu berühren. Ihr biblisch erzogenes Gewissen schaltet sich ein und hält sie (am Anfang) davon ab. Jedoch wird der Wunsch heftiger. Doch auch hier, wendet sie sich nicht rat- und hilfesuchend an eine Freundin oder eine Glaubensschwester, sondern lässt sich von diesen Wünschen, die sie innerlich zu spalten drohen, verunsichern, einhüllen, frustrieren. Dass sie sich in einen Jungen aus der Schule verliebt, macht es ihr nicht leichter.
Wegen körperlicher Instabilität und psychischen Drucks von außen verliert sie auch die Lust, in den Predigtdienst zu gehen. Da sie oft ihre Großmutter beim Straßendienst unterstützt, fällt ihr dies in dieser prekären Zeit besonders schwer, weil sie sich immerzu fürchtet, von Jugendlichen aus der Schule oder aus der Klasse gesehen und erkannt zu werden. Leider hat Hannah auch zu ihrer Großmutter (Roswithas Mutter) keine innige Beziehung; vielmehr empfindet sie Roswithas Eltern als zu streng. Als Mutter reagiert Roswitha nicht überstreng, kann ihrer Tochter jedoch nur beschränkten emotionalen Rückhalt bieten. Dabei wäre es falsch zu behaupten, ihre Eltern hätten sich nicht um die Bedürfnisse ihrer Tochter gesorgt. Ihre Mutter sucht Hilfe und wendet sich an die Ältesten der Versammlung. (Dabei ist die Darstellung der Autorin drastisch: oft scheint die Mutter darauf zu verweisen, dass der Teufel Menschen in Versuchung führt, was "bibeltechnisch" zwar richtig ist, jedoch ohne die Komponente der verständnisvollen, ruhigen und sachlichen Argumentation und Darstellungsweise extremistisch, abstoßend und sogar gehirngewaschen wirkt. Das klingt so ähnlich wie Berichte von Katholiken, die als Kinder die Schauergeschichten über die Hölle immer und immer wieder gehört haben und Gott nie lieben gelernt haben. Für mich sind das eher pädagogische(!) Defizite und falsch verstandener Eifer, Dinge, die sehr kontraproduktiv wirken. So wahrscheinlich auch hier.)
Zwei Punkte können in diesem Zusammenhang missverstanden werden. Denn so, wie sie im Buch geschildert werden, kann es nicht passiert sein.
1) Auch wenn Hannahs Geschichte bereits Jahre zurückliegt, ist es unwahrscheinlich, absolut unglaubwürdig und entspricht nicht den gegebenen Verhaltensrichtlinien der Ältesten, dass SIE EINEM BRUDER (oder einer Schwester) ETWAS VERBIETEN! Hannah hat sich nämlich entschieden, im Schultheater die Hauptrolle zu spielen, was ihre Mutter nicht gutheißt. So kommt es schließlich dazu, dass sie mit einem Ältesten darüber spricht. Dieser Mann, ein Freund der Familie, der Hannah im Übrigen sehr sympathisch ist und seine Aufgabe als Ältester mit gebotener Ernsthaftigkeit und Güte wahrnimmt, soll ihr tatsächlich -- verboten -- haben, im Schultheater mitzuspielen!? Dies kann kaum wahr sein, da ein Ältester, der so vorgehen würde, seine Befugnisse entschieden überschreiten würde! Vorsteher (Älteste) einer Versammlung haben - ähnlich wie Pastoren und Priester - die Aufgabe, sich um die geistigen Bedürfnisse ihrer Obhut Anvertrauten zu kümmern, ihnen ein Beispiel zu sein aber auch Trost zu spenden und sie im Fall schwerwiegender Vergehen darauf hinzuweisen, welche Konsequenzen ihre Handlungen hätten. Die Entscheidung trifft IMMER der Gläubige SELBST!
2) Derselbe Älteste soll Pfeife geraucht haben. Da ZJ nicht rauchen, entbehrt diese Schilderung jeglicher Glaubwürdigkeit.
Über eine weitere typische Reaktion lohnt es nachzudenken. So werden, meiner Meinung und Erfahrung nach, ZJ oft als Außenseiter abgestempelt, obwohl sie dies selber keineswegs wollen. Nur weil ZJ keinen Geburtstag feiern, macht sie das nicht automatisch zu Menschen zweiter Klasse, Außenseitern, Freaks. Und doch reiten viele Schüler und Eltern zu gern darauf herum. Das ist eine unglaublich vermessene Haltung, die überdies von Ignoranz und Intoleranz zeugt. (Wenn dieselben Leute konsequent wären, müssten sie sich ebenso stark über gläubige Juden aufregen, weil sie weder Ostern noch Weihnachten mit ihnen zusammen feiern!) Ich kenne nicht wenige ZJ, die an vielen anderen Schulaktivitäten teilnehmen, viel mit ihren Schulfreunden unternehmen und gern ausgehen. Es ist auch ein Grundpfeiler einer pluralistischen Gesellschaft, Minderheiten und Menschen mit divergenten Ansichten (die weder gegen die Menschenrechte noch die Gesetze der Bundesrepublik verstoßen) zu tolerieren und sie nicht zu Außenseitern zu machen, sie nicht als ebensolche zu stigmatisieren.
Ums abzukürzen: wer sich seine Meinung über ZJ ausschließlich nach diesem (oder ähnlichen Büchern) bildet, wird leider ein sehr verzerrtes Bild von dieser Glaubensgemeinschaft haben, das - abgesehen von einigen tatsächlichen Fällen/Fehlverhalten und Unzulänglichkeiten - fernab der Realität ist und unseligerweise bestehende Vorurteile verfestigt.
Da ich selbst als ZJ erzogen worden (jedoch KEIN ZJ bin) und die Lehren der Organisation von A-Z kenne, habe ich das entsprechende (Hintergrund)Wissen und die Erfahrung, beide Seiten zu kennen, objektiv (darüber) zu urteilen (was ich kenne/gehört/erlebt habe), und betrachte das Buch deshalb mit Bedauern (natürlich auch für Hannah!) und berechtigter Skepsis (was Pauschalisierung angeht und mögliche Hinein-Interpretationen).
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 26. Oktober 2011 | | | | | | | | | | Kundenrezensionen: | | | 3. | Trauriger Fall, kein Einzelfall, jedoch auch kein objektives Bild der ZJ! (die aktuell angezeigte Rezension) | | 2. | Emotional | | 1. | Mehr Schaden als Nutzen | | |
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