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| Der Gewissenskonflikt: Menschen gehorchen oder Gott treu bleiben? Ein Zeuge Jehovas berichtet
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Helleres Licht auf eine menschliche Organisation
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Der Gewissenskonflikt: Menschen gehorchen oder Gott treu bleiben? Ein Zeuge Jehovas berichtet (Gebundene Ausgabe) Zu den zentralen Elementen der Glaubenslehre der Zeugen Jehovas zählt die Annahme, "Jehova" Gott habe im Jahre 1914 mit ihrer Religionsgemeinschaft eine irdische Organisation installiert, die auf der Erde seine himmlische Regierung vertritt. Diese Organisation wird von einer leitenden Körperschaft geführt, deren Mitglieder in ihrer Mehrheit angeblich vom Heiligen Geist gesalbte Männern sein sollen. Deren Aufgabe ist neben dem Bibelstudium die Verwaltung der weltweiten Religionsorganisation und die Steuerung des zugehörigen Verlagsimperiums, über das die Versorgung der inzwischen über sechs Millionen Zeugen Jehovas mit "erquickender und wohlschmeckender geistigen Speise zur rechten Zeit" erfolgt. Die Annahme dieser Glaubenslehre ist für alle Zeugen Jehovas verbindlich. Wer offen Zweifel bekundet, riskiert als "Abtrünniger" den einen sozialen Verachtungstod gleichkommenden Ausschluß aus der Sekte.
Das Gremium der leitenden Körperschaft, das sich als Mittler zwischen Gott und der Menschheit sieht, umgibt ein gewisses Geheimnis. Nachrichten aus ihren nichtöffentlichen Sitzungen dringen nur gefiltert durch die Sektenzeitschriften "Wachtturm" und "Erwachet" in die Öffentlichkeit. Über viele Jahrzehnte hinweg ist es ihr erfolgreich gelungen, den Anschein zu erwecken, nicht Menschen leiteten die Religionsorganisation, sondern "Jehova" Gott persönlich.
Erstmals Transparenz in das Innere der leitenden Körperschaft verschaffte der persönliche Erfahrungsbericht von Raymond Franz, der ihr von 1971 bis 1980 angehörte, einer Phase, in der die Organisation entscheidende Veränderungen erfuhr. Die dem Rezensenten vorliegende Fassung ist die 2006 veröffentlichte vierte, aktualisierte Auflage. Franz schildert darin seinen Werdegang in der Organisation von früher Jugend an. Als Missionar war Raymond Franz in Lateinamerika tätig, bevor er in die Sektenzentrale nach Brooklyn versetzt wurde, wo er bald in die leitende Körperschaft aufstieg. Im Laufe der Jahre geriet er aber in einen zunehmenden Gewissenskonflikt mit den absurden Lehren. In einer inquisitorischen Säuberungsaktion zwang ihn das Gremium 1980 zum Rücktritt, und kurze Zeit später wurde ihm unter fadenscheinigen Vorwänden die Gemeinschaft entzogen.
Anhand der sekteneigenen Quellen belegt er - oft in Form faksimilierter Ausschnitte aus der Originalliteratur -, wie die leitende Körperschaft im Laufe der Zeit ihre Lehren und Prophezeiungen der aktuellen Entwicklung nachlaufend angepasst hat. Dabei kann der Rezensent sich kaum des Eindrucks erwehren, daß es keinen besseren Weg gibt, die Sekte zu beleidigen, als aus ihren eigenen Schriften zu zitieren.
Erstmals erhalten Außenstehende einen tiefen Einblick in die bislang verborgenen Entscheidungsprozesse der leitenden Körperschaft und erfahren, wie umstritten zahlreiche verbindliche und zentrale Lehren der Religionsgemeinschaft innerhalb ihres eigenen Führungsgremiums waren. Franz' Bericht entfaltet eine entzaubernde Wirkung auf ihren anmaßenden Anspruch, Gottes eigenes Instrument zu sein.
Ausführlich geht Franz auf den 1975-Hype ein, die immer wieder überholte Generationen-Lehre oder das auf falschen Voraussetzunge beruhende Kern-Datum "1914".
Aussteigerberichte sind problematisch, wenn sie von Überläufern verfasst werden, die sich damit ihren neuen Herrn andienen wollen. Günther Pape beispielsweise konvertierte nach seinem Abgang von den Zeugen Jehovas zur katholischen Kirche und verfasste in ihrem Sinne seinen reißerischen Erfahrungsbericht. Daher lassen solche Darstellungen schnell Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen. Raymond Franz fällt nicht in diese Kategorie, was sich auch im Stil seines Berichtes wohltuend niederschlägt. Ohne polemische Zuspitzungen, frei von Häme, Haß und Bitterkeit wirft er - um im Jargon der Sekte zu bleiben - ein "helleres Licht" auf die oberste Führungsebene einer Religionsorganisation, die wie kaum eine andere umfassende Kontrolle und Leitung über ihre Mitglieder beansprucht, fast bis zur Totalität. Hiernach ist kein Platz mehr für den Mythos von Gottes "treuen und verständigen Sklaven" in Brooklyn; die Mitglieder der leitenden Körperschaft stehen nackt da wie der Kaiser ohne Kleider.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 10. November 2007 | | |
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